Sci-Fi ist ein Orakel für technologische Entwicklungen, aber es fixiert uns auch auf das Ende der Welt. Au­to­r*in Aiki Mira möchte das ändern.

Eine Frau mit grünem Oberteil und dunkelgrünem Rock steht in einem hell erleuchteten Tunnel

Gerade nicht im Schreibtunnel: Science-Fiction Au­to­r*in Aiki Mira Foto: Miguel Ferraz Araújo

wochentaz: Aiki Mira, als Sci-Fi-Autor*in entwerfen Sie professionell Zukünfte. Bitte sagen Sie es uns: Wird am Ende alles gut?

Aiki Mira: Die Frage ist, für wen wird es gut? Es wird immer für bestimmte Leute gut werden, für andere weniger. Die Zukunft ist schon da, bloß ungleich verteilt – das Zitat stammt von dem US-amerikanischen Science-Fiction-Autor William Gibson. Er bezog das auf Technologie und Wohlstand, aber ich denke dabei auch daran, wer welche Rechte und Freiheiten besitzt. Manche haben das Glück, bereits in einer Art Utopie zu leben, von der die Mehrheit der Menschen auf der Welt nur träumen kann.

Aiki Mira studierte Medienkommunikation und forschte zu Jugendkultur und Gaming. Mira schreibt Romane, Kurzgeschichten und Essays, mehrere von ihnen wurden bereits ausgezeichnet. Gerade wurde Miras Roman „Neurobiest“ für den Kurd-Laßwitz-Preis 2024 nominiert. Mira ist Co-Host des SWR-Podcasts „Das war morgen“.

Außerdem hat Mira ein „Queer*Scifi-Manifest“ verfasst, das queere Sci-Fi als eigenes Subgenre definiert und Konventionen klassischer Science-Fiction kritisiert. „Queer*SF macht Science-Fiction realistischer und erschafft nebenbei eine gemeinsame Zukunft – für uns alle“, so Mira.

Ein anderes Zitat lautet: Es ist leichter, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende des Kapitalismus. Warum faszinieren uns Dystopie und Apokalypse so sehr?

Neue Problemlösungen zu finden ist schwieriger, als alles anzuzünden und brennen zu sehen. Dieses Loslassen beim Schreiben – ja, ich zerstöre jetzt alles! – hat einen Reiz. Aber warum es sich nicht ein bisschen schwerer machen und andere Zukünfte ermöglichen?

Weltuntergang zu schreiben macht einfach mehr Spaß?

Manchen schon. Ich glaube aber, dass sich da gerade etwas grundsätzlich ändert. Besonders weil wir in einer Zeit leben, in der wir ständig mit Krisen konfrontiert werden. Klimakollaps, Kriege, KI-Revolution. Es gibt eine Bewegung in der Science-Fiction, die sagt: Wir brauchen mehr utopisches Denken. Aber das ist eben gar nicht so leicht.

Wie machen Sie das denn – utopisch denken?

Der Begriff Utopie ist mir zu geschlossen. Ich würde bei mir eher von utopischen Momenten sprechen. Dass beispielsweise queere Figuren in meinen Zukünften ganz casual, ganz normalisiert sind, dass sie bestimmte Diskriminierungen gar nicht mehr erfahren. So kann ich als Le­se­r*in schon erahnen, wie Probleme aus dem Heute überwunden werden.

Doch alles gut, also?

Nein, kritische Utopien, an denen ich mich abarbeite, sind keine abgeschlossenen Projekte, sondern ein fortlaufender Prozess. Da muss ich immer weiter überlegen: Moment, wer oder was würde in der Zukunft Diskriminierung erfahren? Maschinen oder Cyborgs? Wichtig ist der Versuch, die Welt besser zu machen, aber offen zu bleiben, wenn nicht alles funktioniert.

Aber noch mal konkreter: Wo kommen die Zukunftsvorstellungen her?

Es gibt drei Bereiche, die mich inspirieren. Erstens die Wissenschaft. Ich lese gerne wissenschaftliche Paper zum Beispiel zu synthetischer Biologie, also wie Zellen künstlich hergestellt werden können. Das liest sich wie Sci-Fi. Und ich denke das sofort weiter: Was könnte damit alles möglich sein? Der zweite Punkt ist Journalismus, damit verfolge ich gesellschaftliche Diskurse. Und der dritte Bereich ist die Kunst, besonders Musik gibt mir noch eine andere Form von Inspiration. Aus all dem entsteht plötzlich eine Szene. Eine Welt. Und ich möchte wissen: Wie funktioniert diese Welt? Welche Leute können in so einer Welt leben?

Sie sind quasi Zuschauer*in?

Science-Fiction stelle ich mir wie ein Experiment in der Wissenschaft vor. Menschen werden zum Beispiel mit einer neuen Technologie konfrontiert. Und ich als Au­to­r*in beobachte, was mit ihnen passiert, und schreibe das auf.

Dabei passiert durchaus auch Schreckliches. In einem Ihrer Romane ist der Amazonas abgebrannt und Hawaii untergegangen. In einem anderen Hamburg von Starkregen so geflutet, dass sich ein Slum aus schwimmenden Containern bildet.

In seinem Roman „Von der Erde zum Mond“ sagt der französische Schriftsteller Jules Verne die Mondfahrt um rund 100 Jahre voraus. Die erste tatsächliche bemannte Mondlandung gelang mit der Mission Apollo 11 am 21. Juli 1969.

In Edward Bellamys Roman „Ein Rückblick aus dem Jahre 2000 auf 1887“ wurde schon mit Kreditkarte gezahlt. Dabei wurde die erste Kreditkarte rund 70 Jahre später ausgestellt. Ab 1950 vergab der US-amerikanische Diners Club Kreditkarten,die anfangs nur in 27 New Yorker Restaurants gültig waren.

In dem Buch „Tom Swift and His Electric Rifle“, geschrieben von einem Autorenkollektiv namens Victor Appleton, erfindet der Protagonist Tom ein Gewehr, das statt Kugeln Elektrizität abfeuert – quasi ein Lasergewehr. Knapp 50 Jahre später, im Jahr 1960, gelang es dem Physiker Theodore Maiman, den ersten echten Laser herzustellen, der zuerst in militärischen Entfernungsmessern eingesetzt wurde.

H. G. Wells fantasierte in seinem Roman „Befreite Welt“ von der Entwicklung von Atomwaffen. Im Zweiten Weltkrieg entstand ein Wettrennen um die Herstellung der ersten Atombombe. Das US-amerikanische Manhattan Project setzte sich durch, im Juli 1945 wurde in Los Alamos die erste Atombombe erfolgreich getestet.

In dem deutschen Stummfilmklassiker „Metropolis“ von Fritz Lang wird per Video telefoniert. Technisch war das kurz darauf in den 1930ern schon möglich, der Videocall setzte sich aber erst mit Skype durch, das 2003 gegründet wurde.

In der Serie „Star Trek“ ruft Captain Kirk mit seinem Communicator um Hilfe – der ähnelt den beliebten Klapphandys ausden 2000ern. Das erste Handy wurde allerdings erst 1973 von Martin Cooper erfunden und weitere zehn Jahre später wurde es zugelassen.

Und auf den Dächern Berlins haben sich anarchische, utopische Gemeinschaften gebildet. Beim Klimawandel brauchen wir kaum Zukunftsbilder, wir schreiben aus der Gegenwart heraus. Wir lesen ja heute bereits von Amazonasbränden. Besonders wenn ich mit jüngeren Leuten spreche, erlebe ich da oft Angst und die Frage: Gibt es überhaupt noch eine Zukunft?

Befeuern Weltuntergangsszenarien nicht die Ohnmacht?

Ja, denn ich glaube nicht, dass der Schock, die Warnung, Le­se­r*in­nen zum Handeln animiert. Auch im Genre der Climate-Fiction ist der Moment gekommen, in dem wir uns ernsthaft fragen müssen: Wie geht es jetzt weiter? In meinem Roman „Neurobiest“ wurde etwa der Regenwald wieder synthetisch hergestellt. Es geht also durchaus um Lösungen.

„Zukunft jagt Gegenwart“ heißt einer Ihrer Essays. Bei der Geschwindigkeit, in der sich die Welt gerade verändert – auch in technologischer Hinsicht –, kann die Science-Fiction da überhaupt noch mithalten?

Genau deswegen ist Science-Fiction meiner Meinung nach das wichtigste Genre unserer Zeit. Wir fühlen uns immer überrascht von diesen Ereignissen. Plötzlich sind Klimawandel und KI-Revolution da und wir denken: Oh nein, Kollaps. Dabei haben sich diese Dinge schon länger angebahnt. Die Science-Fiction kann uns vorbereiten, wir können Szenarien im Vorhinein durchspielen. Sie trainiert unsere Skills, uns in neuen Situationen mit ständiger Veränderung zurechtzufinden.

Macht Ihnen die KI-Revolution Hoffnung oder Sorgen?

Technologien alleine werden uns nicht retten. Das hängt alles von uns ab, also auch von politischen Entscheidungen. KI kann großen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Fortschritt bringen. Aber sie kann auch sehr dystopisch von Regierungen eingesetzt werden, zur totalen Überwachung zum Beispiel. Entmächtigung und Ermächtigung, diese zwei Potenziale hat Technik immer. Es ist nicht die Technologie, die unsere Zukunft bestimmt. Da ist immer ein Spielraum. Wir können nie ganz vorhersehen, was die Menschen am Ende damit machen.

Na ja, so wie die letzten technologischen Revolutionen verlaufen sind, macht das zumindest nicht so optimistisch. In den letzten Jahren entstanden beispielsweise viele Studien zu der Frage, inwieweit das Smartphone unsere Intelligenz mindert.

Bei diesem Beispiel ist dann die Frage: Wie messen wir Intelligenz, was ist das überhaupt? Hatten wir vor 30 Jahren vielleicht einfach eine andere Art von Intelligenz, die wir so jetzt nicht mehr brauchen, weil die Smartphones uns im Alltag helfen? Ich bleibe dabei: Wir können nicht davon ausgehen, dass es schlecht ausgeht.

Dieses Motiv vieler Weltraumromane, die Zukunft vor allem als Abfolge neuer technischer Errungenschaften wie Roboter und Raumschiffe zu erzählen – ist das nicht eigentlich auch total von gestern?

Technischer Fortschritt macht uns Menschen aus und damit auch die Science-Fiction. Technologie kann aber ganz anders sein, als wir uns das erst mal vorstellen. In meinem Roman „Neurobiest“ überlege ich zum Beispiel, wie Biotechnologien sich entwickeln könnten. Körperhacking, Gentechnologie, technische Implantate. Das kann dann so aussehen, als würden wir ohne Technologien leben, weil diese unsichtbar in unsere Körper eingebaut sind. Cyborgs mit künstlichen Augen statt Smartphones und Maschinen.

Aber wenn wir den aktuellen Zustand der Welt sehen, hat uns der Glaube an die Technik in die Misere befördert. Ist der nächste Fortschritt also das, was heute als „rückschrittlich“, als „native“ gelabelt ist?

Natürlich! Ende letzten Jahres wurde ein Buch der großen Science-Fiction-Autorin Ursula K. Le Guin auf Deutsch veröffentlicht, „Immer nach Hause“ heißt es. Da geht es genau darum. Sie entwirft eine utopische Zukunftsvision, für die sie sich sehr von indigenem Leben hat inspirieren lassen. Eine Welt, die wir vielleicht aus heutiger Sicht auf den ersten Blick als Rückschritt sehen würden, aber die eine andere Weise aufzeigt, mit unserem Planeten zu leben.

Viele der Dinge, die Sie sagen, klingen nach einer Mission. Hat das nicht mehr von einem belehrenden Politpamphlet statt von Literatur?

Für mich nicht. Es ist wichtig, wie wir über die Zukunft nachdenken. Ich plädiere für eine neue Art von Science-Fiction, die Zukünfte für alle schreibt.

Wessen Zukunft wird denn noch nicht geschrieben?

Eines der größten Ereignisse unserer Gegenwart ist, dass wir diese globale Vielfalt mit all ihren unterschiedlichen Identitäten erleben. Ob queer, postmigrantisch oder Cyborg, vielfältige Identitäten kommen in meiner Zukunft, in unseren Zukünften vor. Sie sind längst Teil unserer Realität. Ich bin ein Cyborg seit dem Sandkasten, seit ich auf Brille oder Kontaktlinsen angewiesen bin. Ich bin eine nichtbinäre Person. Und in meiner Familie werden unterschiedliche Sprachen gesprochen. Da ist es für mich ein ganz normaler Schritt zu sagen, vielfältige Identitäten sind auch Teil meiner Geschichten. Ich fände es eher strange, sie auszuschließen. Wenn ich sie nicht in meine Zukünfte einschreibe, dann gibt es sie ja nicht.

Die Verkaufszahlen sagen leider: Queere Sci-Fi, die als solche gelabelt ist, verkauft sich im Vergleich eher schlecht.

Mir geht es nicht um Coming-out-Literatur. Es geht darum, neue, andere Zukünfte vorzustellen und endlich Lebensrealitäten abzubilden, die längst existieren. Für mich ist es weird, dass Sci-Fi immer noch als männliches Genre gesehen wird. Von Anfang an wurde das Genre auch von Frauen und queeren Menschen geschrieben. Sci-Fi ist ein Möglichkeitsraum. Veränderung wird hier vorstellbar. Dass es Neues gibt. Aber auch, dass es manches nicht mehr gibt: etwa Sexismus und Rassismus. Aliens und Roboter werden schon lange und selbstverständlicher nonbinär erzählt als Menschen.

Weil sie neben unseren Kategorien stehen.

Roboter und Aliens sind Beispiele dafür, dass Science-Fiction das Andere, das Fremde erfahrbar macht und uns dafür Empathie entwickeln lässt. Gerade Frauen und marginalisierte Personen, die von der Gesellschaft oft zu Aliens gemacht werden, fühlen sich da hingezogen. Ich sehe ein unglaubliches politisches Potenzial darin, dass ich sagen kann: Wir schreiben jetzt mal die Herrschaftsverhältnisse der Zukunft um. Ich könnte mir zum Beispiel eine Zukunft vorstellen, in der wir nicht nur mit anderen Menschen, sondern auch mit Haustieren, digitalen Geräten und Zimmerpflanzen Familien bilden. Und darüber nachdenken, wie das über mehrere Generationen die Beziehung zu unserem Planeten verändert.

Gibt es etwas, das Science-Fiction besser kann als Science – also als Wissenschaft ohne Fiktion?

Wir Au­to­r*in­nen sind es ja gewohnt, komplexe Welten zu entwickeln, wir müssen einen Blick auf das große Ganze haben. In Wissenschaft und Wirtschaft wird oft aus einer Richtung auf ein Problem geblickt. Zum Beispiel aus technischer Perspektive. Aber was bedeutet es zum Beispiel für das Leben der Menschen, wenn eine neue Technologie auftaucht? Was für Konflikte könnten entstehen? Zur Beantwortung solcher Fragen kann unsere Art zu denken super hilfreich sein.

Ein anderer Science-Fiction-Autor erzählte uns kürzlich davon, dass er von Kunden wie BMW oder der Europäischen Kommission eingeladen und bezahlt wird, um als Nerd in deren Beratungsrunden zu Zukunftsszenarien mitzudiskutieren. Ist das üblich?

Ja, Science-Fiction gilt nicht mehr als schmutzig, sondern wird von der Wirtschaft als eine Form des Zukunftsdenkens anerkannt. Auch von der Forschung. Für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt habe ich zusammen mit anderen Szenarien für zukünftiges Fliegen entwickelt. Dafür haben wir Klimawandel, Politik, Technik und viele andere Faktoren zusammengedacht, also wie in der Science-Fiction Weltenbau betrieben.

Was sagen denn Ihre Leser*innen: Haben die Vorstellungen in Ihren Büchern Folgen in der Gegenwart?

Mir schreiben immer wieder queere Le­ser*in­nen, die sich in meinen Büchern gesehen fühlen, das berührt mich total. Letztens bei einer Lesung bat mich ein 15-Jähriger um ein Autogramm. Das hat mich überrascht. Junge Menschen schauen sonst eher auf den amerikanischen Raum, weil dort vieles in der Sci-Fi schon weiter und vielfältiger ist. Gerade weil es um mögliche Zukünfte geht, muss es uns darum gehen, auch junge Menschen zu erreichen und diese nicht auszuschließen.

Viele Erfindungen wurden in Romanen oder Filmen vorgedacht, lange bevor sie entwickelt wurden. Was würden Sie gern in die Zukunft einschreiben?

Das wäre bei mir keine neue Technologie, sondern eher die Art, wie Beziehungen gelebt werden. Dass auch Formen von Teambeziehungen Normalität werden, die sowohl freundschaftlich als auch romantisch als auch fürsorglich sein können. Dass die typische heterosexuelle Kleinfamilie nicht mehr das alleinige Standardmodell ist, sondern wir vielfältigere und fluidere Formen gefunden haben, gegen unsere Einsamkeit zu arbeiten.