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    In der Pflanze steckt keine Gentechnik

    Aber keine Sorge:
    Gentechnish verändert

    sind die

Mittwoch, 03.04.2024, 23:22

Nach der Flut stand Christian Lindner in seinen Hotels in Bad Neuenahr-Ahrweiler vor einem riesigen Scherbenhaufen. Der Vorsitzende des Ahrtal-Tourismus renoviert seit fast drei Jahren nonstop – das eigene Haus und den Tourismus in der Region. Das Ahrtal hat eine riesige Chance, glaubt er. Zum Interview treffen wir ihn mit Schürze in der Küche.



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FOCUS online Earth: Herr Lindner, seit wann kochen Sie denn selbst?

Christian Lindner: Heute bin ich ausnahmsweise Suppenkoch, ich musste einspringen. 45 Suppen sind gerade fertig geworden. Wir können loslegen.

In einem Interview haben Sie die Katastrophe im Ahrtal vom Juli 2021 auch als „Chance“ bezeichnet. Ist das nicht ein bisschen pietätlos?

Lindner: Die Katastrophe war da, wir können sie nicht zurückdrehen. Was uns da passiert ist, war in jeder Hinsicht furchtbar, auf der menschlichen Ebene wie auf der materiellen. 135 Menschen haben ihr Leben verloren, andere kämpfen noch heute um ihre wirtschaftliche Existenz. Viele haben es geschafft, wieder auf die Beine zu kommen, einige haben jedoch keine Kraft mehr, aufzubauen und haben aufgegeben, auch das ist Teil der Realität. Die Flutnacht gehört jetzt zu unserem Leben. Doch wir müssen das Beste daraus machen.

FOCUS online Earth widmet sich der Klimakrise und ihrer Bewältigung.

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Was ist denn das Beste? Wie sind Sie mit den Verwüstungen in Ihren Hotels, der Villa Aurora und den angeschlossenen Gebäuden „Rembrandt“ und „Martha“ umgegangen?

Lindner: Wir sitzen hier in alten Jugendstilvillen aus den Jahren 1905 und 1906. Wir betreiben die drei Häuser als Familie in der vierten Generation. Das ganze Ensemble ist in den Jahren nach und nach zusammengewachsen, vieles wurde ungeplant angebaut. Es sind alte Gemäuer, alte Abwasserkanäle. Wir wären es ohne die Flut nie angegangen, die Häuser in diesem Maße zu modernisieren, da hätten wir gar keine Zeit für gehabt, der Betrieb muss ja weiterlaufen.

Jetzt versuchen wir, das, was uns durch die Flut angetan wurde, positiv zu nutzen: Wir haben die Öl-Heizung durch Fernwärme ersetzt, wir haben die Außenfassade wie in einem Niedrigenergiehaus gedämmt, um Energie zu sparen, wir werden mit grünem Strom arbeiten, sobald die
Photovoltaikanlage installiert ist. Wir stellen uns für die kommenden 20, 30 Jahre neu auf.

Sind die Touristen nicht irritiert bei so viel Modernisierung? Ihre Gäste sind ja überwiegend im fortgeschrittenen Alter, die möchten doch gerne das vorfinden, was sie kennen, oder?

Lindner: Das eine schließt das andere ja nicht aus. Unsere Stuckdecken sind noch dieselben, das haben wir alles aufwendig restauriert. Gleichzeitig wollen wir einen innovativen und nachhaltigen Tourismus anbieten. Das ist unser Konzept für die gesamte Region. Die alten Zeiten sind vorbei. Und das ist in weiten Teilen auch gut so. Es hat auch teilweise einen großen Stillstand im Ahrtal gegeben.

Wir wollen unsere Stammgäste behalten, aber wir wollen uns auch für jüngere Zielgruppen öffnen. Das ist ein wichtiger Teil unseres „Nachhaltigen Tourismus-Konzepts Ahrtal 2025“. Und man soll die Modernität der Älteren nicht unterschätzen. Die 50-Jährigen von heute sind nicht mehr die von 1990. Die wollen aktiv sein und etwas erleben.

Über den Autor

Frank Gerstenberg ist Leiter des Redaktionsstandorts im Ahrtal von FOCUS online Earth.

Welche Rolle spielt der Tourismus im Ahrtal?

Lindner: Die entscheidende. Da hängt unheimlich viel dran. Es ist unsere Lebensader, volkswirtschaftlich, menschlich. Wir wollen den Touristen zeigen: Auch wenn wir noch viele Baustellen haben, Ihr könnt wieder kommen. Wir haben neue Angebote für Euch, ohne unsere Kernkompetenzen zu vergessen: Kulinarik, Wandern, Wein, Entspannen, Gastfreundschaft. Davon profitieren auch die Menschen, die im Ahrtal leben, die Lebensqualität ist höher. Das wird mir immer zu sehr vergessen. Wenn es an dem Ort, wo ich lebe, schöne Restaurants gibt, lebe ich gerne dort. Dort, wo Tourismus ist, ist es gut, wenn es nicht „Overtourism“ ist.

Woran unterscheidet sich der Tourismus der Zukunft von dem vor der Flut?

Lindner: Wir hatten in den vergangenen Jahren ein Kernpublikum. Das lag bei 50 plus. Diese Gäste bleiben auch im Fokus. Sie sind vor allem kulinarisch unterwegs, aber eben auch aktiv, als Radfahrer, Wanderer. Früher lag unser Stammpublikum im Ahrtal bei 70 plus. Diese Historie vergessen wir nicht, Bad Neuenahr ist ein Kurort, mit tollen Wanderwegen und tollen Weinorten im Umfeld.

Der Unterschied zu früher: Nachhaltigkeit steht mit im Vordergrund. Heute ist dies kein „nice to have“ mehr, sondern ein „must have“. Für den Gast, aber auch für Firmenveranstaltungen. In den conclusions der Unternehmen steht, dass ihre Mitarbeitenden nur in zertifizierte Häuser gehen dürfen. Und diese Kunden wollen wir ja auch wieder zurückgewinnen.

Wir wollen, dass im Ahrtal wieder große Tagungen und Kongresse stattfinden. Durch die Zerstörung haben wir die Chance, auf die Bedürfnisse aller Gäste einzugehen und unsere Region nachhaltig umzubauen. Im gesamten Verständnis des Tourismus hat sich viel zum Positiven geändert. Es ist eine win-win-Situation für alle.

In Ihrem Konzept steht, dass Sie neue Zielgruppen gewinnen wollen. Neben den „Genießern“ im fortgeschrittenen Alter, den Naturliebhabern und den Gesundheitstouristen sollen auch vermehrt junge Familien und „Entschleuniger“ zwischen 25 und 40 kommen. Was brauchen diese verschiedenen Gruppen?

Lindner: Wir möchten unser touristisches Angebot vergrößern. Auch Attraktionen sind dabei wichtig wie die geplante Hängebrücke an der Bunten Kuh zwischen Rotweinwanderweg und Ahrsteig, zwischen den Bergerlebniswelten, das ist visionär. Das interessiert auch junge Familien. Wir haben den Kletterpark in Bad Neuenahr, die Sommerrodelbahn in Altenahr. Aber das Angebot muss wachsen, ganz klar. 

Welche Angebote fehlen besonders?

Lindner: Wir brauchen mehr Angebote für den Indoor-Bereich, was besonders bei schlechtem Wetter wichtig ist. Da sind wir schwach und dankbar für jedes gute Konzept und für jeden Investor. Wir wollen den Radtouristen auch mehr bieten. Es reicht vielen Radfahrern nicht mehr, nur gemütlich an der Ahr entlang zu fahren. Wir planen eine Cross-Country-Route für Mountainbiker, die auch in Wälder unterwegs sein wollen. Dabei müssen wir uns auch mit Naturschützern absprechen, das ist klar. Ohnehin sind wir nur die Planer und Ideengeber. Zur Verwirklichung und Finanzierung brauchen wir die Kommune, das Land, aber eben auch private Investoren.

Bislang waren Sie im Ahrtal vor allem auf die Wonne-Monate von Mai bis Oktober konzentriert, oder?

Lindner: Ja, das stimmt. Wir müssen uns da breiter aufstellen. Es muss ein ganzjähriges Angebot geben. Dafür brauchen wir Indoor-Möglichkeiten, zu der vielleicht auch eine Soccerhalle gehört, aber vor allem auch Schwimmbäder, von denen die meisten ja auch zerstört wurden. Ganz besonders setzen wir auf die Ahr-Thermen, die ein Herzstück im Ahrtal sind.

Wie sieht es mit dem Wiederaufbau der Ahrtherme in Bad Neuenahr aus? Sie war mit 165.000 Besuchern jährlich vor der Pandemie ein Touristenmagnet und eine Attraktion. Bis vor kurzem war noch unklar, ob sie überhaupt wieder aufgebaut wird, und wer das bezahlen soll.

Lindner: Der Wiederaufbau ist beschlossen, die Therme wird aus dem Wiederaufbaufonds finanziert. Sie ist enorm wichtig für den Standort. Deswegen steht sie auf unserer Prioritätenliste ganz oben. Für einen Wasserstandort wie Bad Neuenahr-Ahrweiler ist die Therme von entscheidender Bedeutung. Auch wenn wir wissen, dass es wirtschaftlich schwierig ist, sie zu betreiben. Aber sie ist ein identitätsstiftender Faktor und eins unserer wichtigsten Aushängeschilder. Auch der Einzelhandel und die Gastronomie profitieren etwa von Tagesgästen, die nur für die Ahr-Therme ins Ahrtal kommen. Und ein schönes Indoor-Angebot ist sie auch.

 

Beim Thema Geld scheint es ohnehin immer schwierig zu werden. Die visionären Pläne aus dem „Nachhaltigen Tourismuskonzept Ahrtal 2025“ wie Skywalk, Hängebrücke, Flutmuseum, International Crisis Center Ahrtal sind spektakulär, aber weder sind die Standorte geklärt noch steht die Finanzierung für eins der 70 geplanten Projekte. Bei der ersten Vorstellung des Konzeptes gab es Gelächter, als die Tourismusministerin Daniela Schmitt sagte, Geld spiele keine Rolle.

Lindner: Wir glauben der Ministerin, dass Sie uns fördern will. Mit ihr sind wir immer in guten und konstruktiven Gesprächen. Das Tourismus-Konzept hätte es ohne Unterstützung des Landes nicht gegeben. Aber es ist schwierig, an Gelder ranzukommen in diesem Land. Es ist immer wieder eine Herausforderung. Für das Flutmuseum ist die Machbarkeitsstudie genehmigt, was auch schon ein großer Batzen ist. Ein Flutmuseum finde ich sehr wichtig, es muss aber auch betrieben werden.

Auch eine Hängeseilbrücke könnte ich mir sehr gut vorstellen. Sie würde einen Mehrwert für die Wanderwege und den gesamten gastronomischen Bereich geben. Bei der Infrastruktur könnten wir auch auf Parkplätze zurückgreifen, die oberhalb des Restaurants Zur Bunten Kuh zwischen Walporzheim und Dernau liegen. Die Leute wandern, gehen einkaufen. Ich denke, das wäre ein schöner Leuchtturm, den wir für das Ahrtal setzen könnten.

Welche Projekte haben Priorität?

Lindner: Die Hängeseilbrücke und die Radwege. Der neue Ahrtal-Radweg wird neben der Bahn verlaufen. Hier müssen wir uns gedulden, bis die Bahn fertig ist. Das ist für Ende 2025 geplant. Aber wir müssen auch andere Wege gehen. Wie ich schon sagte, wollen wir Mountain-Bike-Touren anbieten. Es wollen nicht alle nur gemütlich an der Ahr lang fahren, viele Besucherinnen und Besucher wollen auch Erlebnistourismus haben. Das wollen wir fördern. Es gibt Gäste, die nur mit dem Fahrrad anreisen, ohne Auto. Teilweise kommen sie aus Belgien. Diesen Aktiven möchten wir etwas bieten. Ich habe Anfragen von Fahrradtouristen, die in Gruppen von 50 Leuten kommen und Unterstellmöglichkeiten brauchen.

Das Thema Verkehr ist laut Ihrem Konzept generell ein Schwachpunkt im Ahrtal. Was muss sich da verbessern?

Lindner: Wir müssen uns deutlich mehr auf E-Mobilität einstellen. Sowohl beim Auto wie beim Fahrrad. Es müssen Stationen für E-Bikes geschaffen werden. Die Radwege müssen attraktiver werden, wir müssen Plätze zum Verweilen und Einkehren anbieten. Auch für die Autos brauchen wir viel mehr Ladesäulen. Alle Betriebe wollen diese Infrastruktur unbedingt bereitstellen.

Hier waren wir vor der Flut ganz schlecht aufgestellt. Wir hatten eine einzige Ladesäule. Die Verkehrswende muss aber von der Kommune und dem Land gefördert werden, sonst geht es nicht. Sehr wichtig ist auch die Ahrtal-Bahn, die gerade wieder aufgebaut wird. Die Elektrifizierung der Bahn und die neue 20-Minuten-Taktung von Bonn nach Ahrbrück werden uns sehr helfen.

Warum sollen die Menschen jetzt schon ins Ahrtal kommen?

Lindner: Um eine schöne Zeit zu haben, um Gastlichkeit, Kulinarik und Wein zu genießen. Um uns weiter zu unterstützen. Um zu sehen, wie eine ganze Region es schafft, wieder aufzustehen und sich zu entwickeln. Und auch um zu sehen, wie lange so eine Entwicklung dauern kann.

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Damit die Touristen kommen, brauchen Sie aber Betten. Daran fehlt es im Ahrtal noch. Warum zeigen Hotelketten wie Dorint in Bad Neuenahr nicht mehr Engagement?

Lindner: Dorint war nur Pächter. Es gab viele Gespräche mit dem Eigentümer, die bislang noch nicht zum Erfolg geführt haben. Wir brauchen diese großen Häuser mit Strahlkraft. Wir brauchen Betten am Standort. Vor der Pandemie hatten wir 1,4 Millionen Übernachtungen und 3,4 Millionen Tagesgäste. Nach Corona und der Flut war alles zusammengebrochen. Im vorigen Jahr gab es eine leichte Erholung, die Zahl der Übernachtungen stieg auf knapp 570.000. Das sind aber lediglich erst 40 Prozent der Übernachtungen von 2019.

Wir wissen auch, dass viele mittlere und kleine Hotels nicht wiederkommen werden. Es gibt aber positive Signale. Es haben sich neue Anbieter wie das Bethel Hotel zum Weinberg in Bad Neuenahr oder das Boutique-Hotel Adenbach in Ahrweiler etabliert. Aber wir brauchen eben auch die großen Häuser, die große Veranstaltungen hierhin bringen. Das Steigenberger soll in diesem Jahr wieder eröffnen. Das ist unheimlich wichtig für die Weiterentwicklung.

Ihr dreiteiliges Hotel mit den Villen Aurora, Rembrandt und Martha hat 75 Betten und 50 Zimmer. Sie liegen direkt an der Ahr. Was ist, wenn morgen wieder eine Flut kommt? Einen wirksamen Hochwasserschutz soll es nach der Herstellung des Gewässers erst in acht bis zehn Jahren geben. Haben Sie keine Angst, dass Ihnen nochmal das gleiche passiert?

Lindner: Der zukünftige Hochwasserschutz spielt natürlich eine große Rolle. Dass die Gewässerwiederherstellung mit Hochwasserschutz nicht innerhalb von 3 Jahren geplant und umgesetzt ist, ist klar. Trotzdem muss natürlich von uns Bürgern und auch Unternehmern das Thema immer wieder angesprochen und forciert werden, dass es vielleicht nicht ganz so lange dauert. Aber grundsätzlich ist „Angst“ kein guter Begleiter. Wir schauen positiv und zuversichtlich nach vorne und gehen davon aus, dass uns eine solche Katastrophe nicht noch einmal widerfährt.

Herr Lindner, vielen Dank für das Gespräch.

FOCUS online Earth im Ahrtal

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