Portrait von Miriam Peters steht vor ihrem Beratungsmobil

Safe Space: Miriam Peters an ihrem zum Sprechzimmer umgebauten Lieferwagen. Hier können sich Betroffene von häuslicher Gewalt unbemerkt beraten lassen Foto: Daniel Chatard

Blick aus der Frontscheibe des Beratungsmobils auf dem Weg zu einem Termin

Unterwegs in der norddeutschen Provinz: Wo jeder jeden kennt, ist die Suche nach Hilfe besonders heikel Foto: Daniel Chatard

Eine verglaste Bushaltestelle steht im Dorf

Eine ­unscheinbare Bushaltestelle fungiert manchmal als ein erster Treffpunkt für Miriam Peters und ihre Klientinnen Foto: Daniel Chatard

Immer mehr Frauen in Deutschland sind von häuslicher Gewalt betroffen. Miriam Peters tourt mit einem Lieferwagen übers Land, um Betroffenen zu helfen.

Nadia sitzt mit Miriam Peters im Laderaum eines Lieferwagens auf einem Parkplatz vor einem Gemeindehaus irgendwo in Schleswig-Holstein. Der Ort des Treffens darf aus Sicherheitsgründen nicht genannt werden. Auch Nadia heißt eigentlich anders. Die beiden sitzen auf einer Bank im Miniaturwohnzimmer des Lieferwagens. Es ist eng, eine gewisse Nähe lässt sich nicht vermeiden. Neben zwei Bänken ist ein kleiner Tisch eingebaut, ein Gasofen spendet Wärme. Draußen ist es an diesem Tag Mitte Februar eiskalt.

Vor dem Gemeindehaus parken nur wenige Autos, ein paar Windräder stehen in der flachen, grünen Landschaft. Nadia wirkt nervös, während sie spricht. „Wir haben uns jetzt entschlossen, in ein Frauenhaus zu gehen“, sagt sie. Mit ihren beiden Söhnen will sie vor ihrem gewalttätigen Partner flüchten.

Die Sozialarbeiterin Miriam Peters ist Gründerin der „Landgrazien“. Seit März 2021 bietet der Verein Frauen, die von Gewalt betroffen sind, mobile Beratung im Kreis Herzogtum Lauenburg in Schleswig-Holstein an. Mit ihrem Beratungsmobil treffen sie ihre Klientinnen dort, wo es für sie am einfachsten ist. Das kann auf dem Weg in den Kindergarten, auf dem Supermarktparkplatz oder an einer Bushaltestelle sein. So sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass der gewalttätige Partner etwas von dem Treffen mitbekommt.

Maßnahmen

Die Istanbul-Konvention ist ein völkerrechtliches Abkommen des Europarats zur Bekämpfung und Verhütung von Gewalt gegen Frauen und Mädchen. Das Übereinkommen schreibt vor, dass die Gleichstellung der Geschlechter in den Verfassungen der Unterzeichnerstaaten verankert sein muss und sämtliche diskriminierenden Vorschriften abzuschaffen sind.

Zudem verpflichten sich die Unterzeichnerstaaten, offensiv vorzugehen gegen psychische Gewalt, Nachstellung, körperliche und sexuelle Gewalt einschließlich Vergewaltigung, Zwangsheirat, Verstümmelung weiblicher Genitalien, Zwangsabtreibung und -sterilisierung und sexuelle Belästigung.

Mitglieder

45 Staaten des Europarats außer Aserbaidschan haben die Konvention unterzeichnet, allerdings haben einige Länder, darunter Bulgarien, die Tschechische Republik, Ungarn, Lettland, Litauen und die Slowakei die Konvention bislang nicht ratifiziert. Die Türkei trat zudem aus dem Vertrag aus. In Deutschland trat sie 2018 in Kraft.

Fall Deutschland

Trotzdem gibt es hier noch immer Lücken in der Umsetzung der Konvention. Zwar plant die Bundesregierung eine Gesamtstrategie und eine zentrale Koordinierungsstelle für Maßnahmen gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen, aber diese liegt noch nicht vor. Auch mangelt es an ausreichend Schutzeinrichtungen, teilweise gibt es Zugangshürden. Ebenso ist die festgeschriebene Rücksicht auf die Auswirkungen von Gewalt gegen Frauen in Sorgerechts- und Umgangsrechtsverfahren noch nicht aus­reichend umgesetzt. (taz)

Besonders auf dem Land ist dies für Frauen wichtig. Denn hier kennt je­de:r jede:n. „Wenn Frauen eine klassische Beratungsstelle aufsuchen, dann kann es schnell passieren, dass jemand aus der Nachbarschaft das mitbekommt“, sagt Peters. Die Beratung ist in dieser Form in Deutschland einzigartig. Jeden Tag werden die Landgrazien von Frauen kontaktiert. Im besten Fall können Peters und ihr Team sie aus einer gewalttätigen Beziehung retten.

Wenn es eskaliert, schicken sie ein Taxi

„Was soll ich den Kindern sagen?“, „Was passiert mit den Haustieren?“, „Wie komme ich ins Frauenhaus?“, all das sind Fragen, die Nadia beschäftigen. Was ihr zu Hause widerfahren ist, spielt bei dem Gespräch keine Rolle. Miriam Peters fragt auch nicht nach. Sie ist hier, um zuzuhören. Manchmal weiß sie nicht einmal, wie ihre Klientinnen wirklich heißen, wo sie wohnen. Denn es ist ihnen überlassen, wie viel sie teilen wollen. Nadia kennt sie erst seit sechs Wochen, sie hat die Landgrazien über Instagram kontaktiert.

„Ich würde den Kindern erst mal gar nichts sagen, es kann immer sein, dass sie sich verplappern“, rät die 33-Jährige der Mutter. Am liebsten würde sie in ein Frauenhaus in Brandenburg gehen, da ihre Familie dort wohnt, sagt Nadia. Peters verspricht ihr, dass ihr Team das versuchen wird.

„Wenn es zu Hause eskaliert, dann können wir dich mit dem Taxi abholen und erst mal in eine Ferienwohnung bringen“, sagt sie. Nadia nickt, die Worte scheinen sie zu beruhigen. „Wenn ich die Kleine morgen im Kindergarten abgesetzt habe, können wir noch mal telefonieren“, sagt die Mutter, bevor sie sich von Peters mit einer Umarmung verabschiedet.

Miriam Peters, Gründerin der Landgrazien

„Der gefährlichste Moment in einer Beziehung ist die Trennung“

Dass die Betroffenen nur zu ganz bestimmten Zeiten reden können, kommt häufig vor. Die meisten Frauen, die sich bei Peters melden, haben einen Partner, der sie rund um die Uhr überwacht, der jeden einzelnen Schritt ihrer Partnerin kontrolliert. Das kann über ein GPS-Signal im Auto oder per Suchfunktion mit dem Smartphone sein. Die Frauen müssen deshalb extrem vorsichtig sein, wenn sie sich Hilfe holen. Denn es besteht immer die Gefahr, dass die Gewalt eskaliert.

Geheime Fluchtpläne

„Der gefährlichste Moment in einer Beziehung ist die Trennung“, sagt Miriam Peters später bei einem Gespräch in ihrem Büro, einem kleinen, schlicht gehaltenen Raum im Erdgeschoss eines Backsteinhauses. Die junge Frau mit Nasenpiercing und kurzem Pony sitzt gerade an ihrem Schreibtisch. Wenn eine Frau sich dazu entschließt, ins Frauenhaus zu gehen, muss das Team wohlüberlegt vorgehen, erzählt sie. Es ist eine geheime Flucht, die man plant.

Wichtige Unterlagen wie Geburtsurkunden müssen vorher versteckt und mitgenommen, ein Frauenhausplatz muss organisiert werden. Manchmal muss die Betroffene die Polizei darüber informieren, dass sie sich eigenständig entschieden hat, zu gehen. Denn es kommt immer wieder vor, dass ihre Partner eine Vermisstenanzeige machen. Ein Sperrvermerk beim Sozialamt verhindert, dass die Behörden die neue Adresse weitergeben.

All das sind Dinge, die Frauen beachten müssen. Dinge, von denen die meisten erst bei der Beratung erfahren. Ein persönliches Gespräch sei dabei immer besser als ein Anruf: „Wenn mir eine Frau gegenübersitzt, kann sie sehr viel schneller Vertrauen zu mir aufbauen“, sagt die Sozialarbeiterin.

Häusliche Gewalt nimmt in Deutschland stetig zu. Jede Stunde werden mehr als 14 Frauen in Deutschland Opfer von Partnerschaftsgewalt. Das Bundeskriminalamt hat für das Jahr 2022 240.547 Fälle von häuslicher Gewalt ermittelt, 8,5 Prozent mehr als im Vorjahr. 13 Prozent Anstieg waren es in den letzten fünf Jahren. Die Opfer sind zu 71 Prozent weiblich.

Die Zahlen steigen rasant

Zu der Statistik zählen alle Formen körperlicher, sexueller oder psychischer Gewalt. In 65,6 Prozent der Fälle geschah die Gewalt innerhalb einer Partnerschaft. Die Hälfte der Opfer lebte mit ihrem Partner in einem gemeinsamen Haushalt. Die meisten sind 30 bis 40 Jahre alt.

Warum die Zahlen im Jahr 2022 weiter gestiegen sind, ist nicht ganz klar. Während der Coronazeit machte man die Kontaktbeschränkungen für den Anstieg verantwortlich. Dass mehr Frauen häusliche Gewalt zur Anzeige bringen, kann sich auch auf die Statistik auswirken.

Trotzdem gehen Ex­per­t:in­nen von einer sehr hohen Dunkelziffer aus. „Wir haben seit 20 Jahren keine Zahlen, die das Dunkelfeld zu Gewalt gegen Frauen beleuchten“, sagt Rechtsanwältin Asha Hedayati, die im Familienrecht tätig ist und kürzlich ein Buch über häusliche Gewalt geschrieben hat. Darin weist sie auch darauf hin, dass die Statistik verfälscht sei, da in vielen Fällen Männer eine Gegenanzeige erstatten, wenn ihre Partnerin einen Fall angezeigt hat, um so ihre Verurteilung zu erschweren.

Auch Miriam Peters dachte, dass sich die Lage mit dem Ende der Coronapandemie etwas entspannen würde. Doch das war nicht der Fall. Die Nachfrage hat sich bei den Landgrazien in den vergangenen Jahren kaum verändert, sie werden eher von mehr Frauen kontaktiert, auch die Gewalttaten seien extremer geworden.

Asha Hedayati, Anwältin und Autorin

„Mich überrascht wenig, dass die Zahlen weiter­steigen. Denn es wird nichts unternommen, um die Gewalt zu verhindern“

Therapien für gewalttätige Männer

Die Sozialarbeiterin wirkt nicht resigniert, wenn sie das erzählt. Für sie ist es eher Ansporn weiterzumachen, so vielen zu helfen, wie möglich. „Ich glaube, viele bekommen die Folgen von Corona erst jetzt zu spüren“, sagt sie. Angehäufte Schulden, steigende Preise, das Gefühl, permanent eine Krise zu durchleben: All das seien Risikofaktoren, die häusliche Gewalt begünstigen.

Anwältin Hedayati sieht fehlende Präventionsmaßnahmen als Problem: „Mich überrascht es wenig, dass die Zahlen weitersteigen, denn es wird nichts unternommen, um die Gewalt zu verhindern.„Zwar plant die Bundesregierung eine Gesamtstrategie und eine zentrale Koordinierungsstelle für Maßnahmen gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen, aber noch immer fehlt es in Deutschland an ausreichend Schutzeinrichtungen und einer Reform der juristischen Strukturen, welche die Opfer von Gewalt in den Mittelpunkt stellen.

Laut Hedayati könnte man etwa Rich­te­r:in­nen gezielt fortbilden, um sie für das Thema häusliche Gewalt zu sensibilisieren. Auch müsse man sich mehr auf die Täterarbeit fokussieren, also abgesehen von Strafmaßnahmen gezielt Kurse und Therapien für gewalttätige Männer fördern.

Beratungsstellen ausreichend finanziell zu unterstützen, ist eine weitere Maßnahme gegen häusliche Gewalt. Die Landgrazien sind nur über Stiftungsgelder und Spenden finanziert. Neben Peters sind eine Koordinationskraft, eine Werkstudentin, eine Minijobberin und eine Verwaltungsmitarbeiterin angestellt. Die 32-Jährige hat eine 30-Stunden-Stelle, arbeite aber eigentlich um die 50 bis 60 Stunden pro Woche, sagt sie. Neben Beratungen kümmert sie sich um die Finanzierung, pflegt den sozialen Medienkanal, besucht und organisiert Veranstaltungen.

Die Vorteile: Man kennt sie

Peters ist in Laubenz, einem Dorf in der Nähe ihrer jetzigen Beratungsstelle, aufgewachsen. Sie hat Internationales Management und Sprachen in Amsterdam studiert, danach lebte sie jahrelang in Hamburg, arbeitete dort bei einem Onlinehandel. Doch sie merkte schnell, dass der Büroalltag nichts für sie ist. Sie lernte ihren Partner kennen, zog mit ihm zurück aufs Land und bekam zwei Kinder. Ihr Interesse für soziale Arbeit entstand in ihrer Elternzeit. „Mir war damals extrem langweilig, deshalb habe ich ein Fernstudium in sozialer Arbeit angefangen“, sagt sie lachend.

Bei einem Praktikum im Frauenhaus in Lübeck kam sie zum ersten Mal näher mit dem Thema häusliche Gewalt gegen Frauen in Berührung. Dort fiel ihr auf, mit wie vielen Hürden Frauen auf dem Land zu kämpfen hatten, um Hilfe zu bekommen. Sie startete die Landgrazien erst als ehrenamtliches Projekt in ihrer Gemeinde und merkte schnell, dass es eine unglaubliche Nachfrage nach alternativen Beratungsangeboten gab.

Neben den mobilen Beratungen bietet das Team auch Telefongespräche an, klärt in den sozialen Medien über häusliche Gewalt auf. Dass sie aus der Gegend kommt, spielt ihr in die Hände: „Dadurch, dass mich die Leute hier kennen, ist es einfacher, Unterstützung für unseren Verein zu bekommen.“

Peters wirkt wie eine Frau, die die Dinge einfach anpackt, die so schnell wie möglich Lösungen sucht. Die nicht Nein sagen kann, wenn jemand nach Hilfe fragt. Nach dem Treffen mit Nadia steht bereits der nächste Termin an. Über die Landstraße geht es in ein kleines Dorf mit mehreren Einfamilienhäusern in Backsteinoptik.

Kontrolle, Isolation, Terror

Dort trifft Peters ihre Klientin auf dem Spielplatz. Die beiden kennen sich schon seit einigen Monaten. Die Erzieherin ist heute nicht in der Kita, da ihre Tochter krank geworden ist. Die 5-Jährige ist gerade am Schaukeln, das kleine Mädchen wirkt sehr zurückhaltend, als die Mutter Miriam mit einer herzlichen Umarmung empfängt. „Lass uns vielleicht da hinten reden“, sagt sie. Sie wendet sich an ihre Tochter: „Schatz, ich gehe mal ganz kurz darüber, um mit meiner Freundin zu reden, okay?“

„Hast du eine Zigarette?“, fragt Peters die junge Mutter. „Nur eine, aber wir können sie teilen“, sagt sie. Peters nimmt die Zigarette entgegen und die Mutter fängt an zu sprechen. Wie ein Wasserfall sprudelt der Frust aus ihr heraus. „Er kontrolliert wirklich alles, was ich mache“, sagt sie. Anders als Nadia hat sie sich bereits vor drei Jahren von ihrem Ex-Partner getrennt.

Seither lässt er ihr keine Ruhe. Er ruft sie ständig an, nutzt das geteilte Sorgerecht aus, um Kontrolle über sie auszuüben, indem er sich weigert, bestimmte Dokumente rechtzeitig zu unterschreiben. Immer wieder terrorisiert er ihre Freunde und Familie, um mit ihr in Kontakt zu kommen.

Und ganz kann sie ihm nicht entfliehen. Denn der Vater darf die Kinder einmal pro Woche sehen. Bei den Treffen will sie immer mit dabei sein, da sie Angst hat, die Kinder mit ihm alleine zu lassen. „Es ist so anstrengend, diese paar Stunden durchzuhalten“, sagt sie. Besonders schmerzhaft sei für sie, dass er bei den Treffen ihre Tochter komplett ignoriert und nur seinem Sohn Aufmerksamkeit schenkt.

Umgangsrecht auch für gewalttätige Männer

„Gibt es irgendwelche Chancen, dass er die Kinder nicht mehr sehen darf?“, fragt sie Peters. Auch wenn ihm das Sorgerecht entzogen werde, habe er weiterhin ein Recht auf Umgang. Ihm das zu entziehen, werde schwierig, dämpft die Sozialarbeiterin die Hoffnung der Mutter. „Ich versuche mal einen Termin mit unserer Rechtsexpertin zu machen, die dir das besser erklären kann“, sagt sie.

Dass Ex-Partner das Sorgerecht für Machtspiele ausnutzen, kommt häufig vor, berichtet auch Rechtsanwältin Asha Hedayati. In Deutschland wird zwischen Sorgerecht und Umgangsrecht unterschieden. Es ist fast unmöglich, dem Vater den Umgang mit den Kindern zu verweigern. Es wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass der Umgang dem Kindeswohl dient. Unabhängig davon, ob der Partner gewalttätig in der Beziehung war. „Das führt dazu, dass die Gerichte Partnerschaftsgewalt in Umgangsrechtverfahren kaum berücksichtigen“, sagt Hedayati.

Dies könnte sich ändern, wenn die Istanbul-Konvention vollständig umgesetzt werden würde. Das internationale Abkommen zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen und Mädchen verlangt, dass in Sorgerecht- und Umgangsrechtsverfahren auf von Gewalt betroffenen Frauen mehr Rücksicht genommen wird. Dass es noch immer keine Synchronisation von Gewaltschutz und Entscheidungen in diesen Verfahren gibt, kritisiert auch das Bündnis Istanbul-Konvention, das wie Hedayati noch immer viele Lücken bei der Umsetzung der Konvention sieht.

Auch das Bündnis sieht das Problem darin, dass noch immer keine Gesamtstrategie und keine zentrale Koordinierungsstelle aufgebaut wurde. Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt müssten laut dem Bündnis zudem bindend sein und mit viel Geld unterfüttert werden. In Zeiten von Haushaltseinsparungen machen sie sich Sorgen, ob das wirklich passieren wird.

Gewalt hört nach der Trennung nicht auf

Der Fall der jungen Mutter auf dem Spielplatz zeigt auch, dass mit einer Trennung die Gewalt nicht automatisch aufhört. Sie nimmt oftmals nur eine andere Form an, wie als Drohung und Stalking. „Die Gewalt hört oftmals erst auf, wenn die Männer neue Partnerinnen haben“, sagt Peters. Partnerinnen, die womöglich noch nicht ahnen, auf wen sie sich da einlassen.

„Er war ja nicht immer so“, das ist ein Satz, den die Landgrazien immer wieder von Frauen zu hören bekommen, die sich bei ihnen melden. Die Beziehungen beginnen oft harmonisch, viele haben das Gefühl, ihre große Liebe gefunden zu haben, eine emotionale Abhängigkeit entsteht.

Die Gewalt kommt schleichend. Oftmals fängt der Partner an, seine Partnerin immer mehr zu isolieren, um so besser Kontrolle über sie auszuüben. Während er sie anfangs noch mit Komplimenten überhäuft, kommt es plötzlich zu Beleidigungen oder Angriffen. Sich zu trennen, ist für viele kein einfacher Schritt. Vor allem, wenn finanzielle Abhängigkeit besteht. „Die Frauen müssen sich meist zwischen Armut oder Gewalt entscheiden“, sagt Peters.

Noch immer verdienen Frauen rund 18 Prozent weniger als ihre männlichen Partner. Und Mütter verdienen zehn Jahre nach der Geburt ihres ersten Kindes im Durchschnitt 61 Prozent weniger als davor. Wenn eine Betroffene eine gewalttätige Beziehung verlässt, findet sie sich deshalb oft in einer extrem prekären wirtschaftlichen Lage wieder.

Der Landkreis sieht keinen Bedarf

Deshalb kommt es auch vor, dass Frauen zu ihren gewalttätigen Partnern zurückkehren. „Das nimmt mich persönlich natürlich mit, vor allem wenn Kinder involviert sind“, sagt Peters. „Auf einer professionellen Ebene muss ich das aber akzeptieren.“ Denn für die Beratung steht die Selbstbestimmung der Frau im Mittelpunkt. Und zu dieser gehört eben auch die Freiheit, sich für eine gewalttätige Beziehung zu entscheiden.

Obwohl der Anstieg von häuslicher Gewalt ihre mobile Beratungsstation zwingend notwendig erscheinen lässt, ist die Finanzierung der Landgrazien alles andere als geklärt. Im Jahr 2022 bekam die Beratungsstelle noch 40.000 Euro vom Landkreis.

Doch letztes Jahr machte der Schleswig-Holsteinische Landtag der Beratung einen Strich durch die Rechnung. Denn das Geld sollte der Verein erst bekommen, wenn auch Gelder aus dem Landeshaushalt fließen. Der Landtag stimmte jedoch Ende März 2023 gegen die Finanzierung. „Es wurde damit begründet, dass man sich auf bestehende Angebote fokussieren wolle und sie keinen Bedarf an einer mobilen Beratung sehen“, sagt Peters.

Und der Kreis weigerte sich, das Geld aus dem eigenen Haushalt zu beziehen. Dabei zeigte eine Bedarfsanalyse 2022, dass es keine flächendeckenden Beratungsangebote in Schleswig-Holstein gibt und Beratungsstellen dringend mehr gefördert werden sollten.

Schutz von Frauen – keine Priorität?

Die grüne Frauenbeauftragte Catharina Nies sagt, dass die finanzielle Förderung der Landgrazien damals Teil einer Anfrage der Oppositionsparteien gewesen sei, die insgesamt eine Erhöhung von 10 Millionen Euro zur Förderung von Frauenfacheinrichtungen in Schleswig-Holstein forderten. „Den Anträgen wurde nicht zugestimmt, weil es in der angespannten Haushaltslage, in der wir uns 2023 befanden und auch aktuell befinden, finanziell nicht möglich war“, schreibt sie in einer Antwort per E-Mail.

Doch warum weigerte sich der Landkreis, selbst für die 40.000 Euro aufzukommen? Auf taz-Anfrage heißt es dazu aus dem Landratsamt, dass bestimmte Verwendungsnachweise für die gewährten Mittel aus dem Vorjahr gefehlt hätten, weshalb bei der Mehrheit der Kreistagsmitglieder Skepsis in Bezug auf eine weitere Förderung herrsche.

Laut den Landgrazien standen die Nachfragen und Reglementierungen in keinem Verhältnis zu der Fördersumme – und bedeuteten zu viel Arbeit für das kleine Team. „Politik ist immer eine Prioritätensetzung. Der Schutz von Frauen scheint hier im Landkreis wohl keine Priorität zu sein“, sagt Peters.

Die Bemühungen um öffentliche Gelder haben die Sozialarbeiterin sehr viel Energie und Zeit gekostet. Sie hat sich deshalb vergangenen Oktober dazu entschlossen, zunächst ohne öffentliche Gelder weiterzumachen. Die gewonnene Zeit kann sie jetzt für Fundraising und ihre Beratung nutzen.

Im permanenten Überlebensmodus

Es bleibt ein Gefühl der Enttäuschung, das auch immer wieder bei Begegnungen mit Politikern verstärkt wurde. „Die Frauen sollen sich mal nicht so anstellen, dann hätten wir das Problem ja nicht“, sagte ein Kreispolitiker mal zu ihr. Ein anderer betonte, dass er ja gedacht hätte, die Sache mit den Landgrazien würde sich von selbst erledigen, weil der Kreis sie finanziell aushungern würde.

Peters schreckt nicht davor zurück, unangenehm aufzufallen. Sie möchte das Schweigen auf dem Land brechen. Das Thema häusliche Gewalt ist weiterhin tabuisiert, so entsteht der Eindruck, dass häusliche Gewalt dort nicht existiert. Dabei ist das Gegenteil der Fall.

Anfang März sind Miriam Peters und Nadia zu einem Telefongespräch verabredet. Nadia hat mit ihren Kindern ein paar turbulente Wochen hinter sich. Nur wenige Tage nach dem Treffen vor dem Gemeindehaus floh sie vor ihrem Partner. „Irgendwas hast du doch vor“, sagte dieser ihr. Obwohl sie ihm keine Hinweise für ihre Flucht gab, habe er geahnt, dass sie gehen will.

Um Nadia so schnell wie möglich an einen sicheren Ort zu bringen, organisierte Peters ein Hotelzimmer für ihre Kinder und sie. Dann konnte sie in einem Frauenhaus in Schleswig-Holstein unterkommen, mittlerweile ist sie in einem Frauenhaus in Brandenburg. „Ich war in einem permanenten Überlebensmodus, erst jetzt kann ich wieder etwas aufatmen“, sagt Nadia am Telefon.

Endlich wieder ruhig schlafen

Ihre Haustiere wurden bei der Familie in Brandenburg untergebracht. Besonders schwer fiel ihr, den Kontakt zu ihren Freundinnen in ihrem Heimatort abzubrechen. Eine weitere Vorsichtsmaßnahme, damit ihr Partner nicht von ihrem Aufenthaltsort erfahren kann.

„Es tut so gut, endlich mal wieder schlafen zu können und keine Angst zu haben, nachts aus dem Schlaf gerissen zu werden“, sagt Nadia. Sie wirkt erleichtert am Telefon, so als hätte sie die richtige Entscheidung getroffen. Mehrmals bedankt sie sich bei Peters.

Es ist vorerst das letzte Gespräch zwischen den beiden. Wenn die Frauen erst einmal im Frauenhaus sind, geben die Landgrazien die Beratung an die Kol­le­g:in­nen vor Ort weiter. Den Kontakt abzubrechen, nicht zu wissen, wie es mit ihnen weitergeht, fällt Peters oftmals schwer.

Doch gleichzeitig freut sie sich für Frauen wie Nadia. „Es macht mich immer wieder glücklich, miterleben zu können, wie eine Frau sich für ein selbstbestimmtes Leben entscheidet“, sagt sie.