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Ein nuklear bewaffneter Iran würde die Kräfteverhältnisse im Nahen Osten erheblich verändern. Wie weit ist Iran von dieser Schwelle noch entfernt? Die Sorgen nach dem jüngsten Drohnenangriff auf Israel sind groß. Und noch besorgter als sonst klang Rafael Grossi, als er zuletzt über das Thema Bericht erstattete.

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Der Chef der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) nahm vor den Vertretern der Mitgliedstaaten, die im Gouverneursrat der Agentur in Wien sitzen, Bezug auf eine Äußerung des früheren iranischen Atomchefs Ali Akbar Salehi über den Stand des Nuklearprogramms. Öffentliche Äußerungen in Iran über die technischen Fähigkeiten des Landes zur Herstellung von Atomwaffen „verstärken meine Bedenken hinsichtlich der Richtigkeit und Vollständigkeit der iranischen Erklärungen zur Sicherheitsüberwachung“, sagte Grossi. Die Äußerungen, auf die Grossi sich in der Sitzung im März bezog, legten nahe, dass Iran alle einzelnen Bestandteile für eine Atombombe bereits habe. Sie müssten nur noch zusammengesetzt werden.

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Salehi hatte Ende vergangenen Jahres in einem Fernsehinterview auf eine entsprechende Frage, eine direkte Antwort vermeidend, diesen Vergleich gezogen: „Stellen Sie sich vor, was ein Auto braucht: ein Fahrgestell, einen Motor, ein Lenkrad, ein Getriebe. Sie fragen, ob wir das Getriebe gebaut haben, ich sage ja. Haben wir den Motor gebaut? Ja, aber jedes Teil erfüllt seinen eigenen Zweck.“ Die Bestandteile für eine Atombombe, so wird damit nahegelegt, sind alle da und funktionsfähig und müssen nur noch zusammengesetzt werden.

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Offiziell gilt Atombombe in Iran als „unislamisch“

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Salehi war lange Jahre der Kopf des iranischen Atomprogramms, eine Zeit lang diente er dem Regime in Teheran auch als Außenminister. Er wusste, wovon er sprach, als er sagte, man habe alle notwendigen „Schwellen der Nuklearwissenschaft und -technologie“ bereits überschritten. Ob es sich tatsächlich so verhält, steht auf einem anderen Blatt. Aber es dürfte kein Zweifel daran bestehen, dass das nicht eine versehentlich herausgeschlüpfte Bemerkung war, sondern dass Teheran aller Welt signalisieren wollte, wie weit man bereits sei. Ohne das ausdrücklich zuzugeben natürlich, denn offiziell beteuert das Regime ja seit je, dass man gar nicht nach einer Atombombe strebe, weil diese Waffe „unislamisch“ sei.

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Im Wesentlichen steht eine militärisch einsetzbare Nuklearwaffe (für terroristische Zwecke sähe das anders aus) auf drei Säulen. Zentral ist das nukleare Material, entweder Plutonium oder auf waffenfähiges Maß angereichertes Uran. Dann muss daraus eine zündbare Bombe gebaut werden. Schließlich braucht es Trägersysteme wie beispielsweise Flugzeuge oder Raketen.

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Einen möglichen Weg zu einer iranischen Plutoniumbombe hätte der Schwerwasserreaktor Arak darstellen können. Dessen Reaktor musste nach der Wiener Atomvereinbarung von 2015 („Gemeinsamer Umfassender Aktionsplan“, JCPOA) neu designt werden. Laut Grossis Iran-Berichten scheint es dagegen keine wesentlichen Verstöße zu geben. Allerdings ist auch hier die Überwachung durch die IAEA erheblich erschwert, seit erst die USA unter Donald Trump und dann auch Iran sich nicht mehr an den JCPOA halten.

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Alle Grenzen aus Atomabkommen längst überschritten

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Bei der Urananreicherung hat Iran hingegen alle Beschränkungen aus dem JCPOA längst weit überschritten. Das gilt für die Menge an Vorräten, den Grad der Anreicherung und nicht zuletzt Forschung, Entwicklung und Einsatz modernerer Anreicherungszentrifugen. Es wurde zunächst auf 20 Prozent (laut JCPOA wären nur 3,67 Prozent erlaubt, die für die zivile Brennstoffherstellung ausreichen) und inzwischen auf 60 Prozent angereichert. Damit ließe sich, die entsprechende Menge vorausgesetzt, bereits eine Bombe bauen.

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Iran hat aber offenbar das in Pakistan entwickelte Design, nach dem man eine Anreicherung bis etwa 90 Prozent benötigt. Bei der Anreicherung sind die ersten Schritte weit aufwendiger als die letzten, von 60 auf 90 Prozent zu gehen, wäre nach Angaben von Fachleuten nur mehr ein winzig kleiner Schritt. Vor einem Jahr haben die IAEA-Inspekteure in zwei Kaskaden von Anreicherungszentrifugen der Anlage Fordo Partikel gefunden, die auf rund 84 Prozent angereichert waren – ein Versehen, behauptete Teheran.

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Laut dem jüngsten IAEA-Bericht hat Iran bis Februar rund 120 Kilogramm an 60-Prozent-Uran vorrätig. Die Bestände seien damit etwas geringer als ein Vierteljahr zuvor, weil ein Teil des Vorrats wieder auf 20 Prozent verdünnt worden sei, hieß es. Die Produktion auf den hohen Grad wurde aber gleichzeitig hochgefahren. Iran sammelt also Erfahrung mit der Anreicherung bis hin zum waffenfähigen Grad und erprobt beschleunigte Verfahren mit modernen Zentrifugen.

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Kameras in Anreicherungsanlagen abgeschaltet

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Iran brauchte nach Einschätzung von Fachleuten nur mehr ein bis zwei Wochen für die „letzten Meter“ zur Herstellung von Material für eine Bombe. Das Washingtoner „Institute for Science and International Security“ (ISIS) schätzt diese sogenannte Breakout-Zeit je nach Verfahren auf 7 bis 12 Tage. Binnen eines Monats könnte Iran bereits Material für sieben Bomben haben – konservativ geschätzt. Rein technisch sei aber schon jetzt die Breakout-Zeit bei Null, denn schon mit dem vorhandenen 60-Prozent-Uran ließen sich Nuklearwaffen bauen; nur nicht nach dem für Iran angenommenen Design.

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Nicht ganz so schnell ginge es bei der zweiten Säule für eine militärisch nutzbare Atombombe. Dafür braucht es Berechnungen, Sprengtests, Bau der Komponenten, Umwandlung des waffenfähigen gasförmigen Urans in Metall, Einbau in eine Bombe und Integration in das Trägersystem. Einige der Vorarbeiten sind offenbar während eines Waffenprogramms bis 2003 bereits gemacht worden – auf Fragen der IAEA nach jener Zeit mauert Iran seit Jahren auffällig (und unter Verstoß gegen seine Verpflichtungen nach dem Nichtverbreitungsvertrag). Andere müssten erst erfolgen. ISIS-Leiter David Albright, ein früherer IAEA-Inspekteur, hat im Januar eine Einschätzung veröffentlicht, wonach es nach einem möglichen Breakout etwa ein halbes Jahr dauern könnte, bis Iran eine „rohe“, noch nicht sehr ausgereifte Bombe fertiggestellt hätte.

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Weil Iran seit der faktischen Kündigung des JCPOA die Zusammenarbeit mit den IAEA-Inspekteuren immer weiter zurückgefahren hat, ist die in Wien ansässige Agentur inzwischen auch nicht mehr sicher in der Lage, sicher zu sagen, wie viel angereichertes Material wo lagert. So sind die Kameras in den Anreicherungsanlagen abgeschaltet worden. Die IAEA kann nicht mehr garantieren, dass nicht vielleicht irgendwo etwas an eine geheime Anlage abgezweigt wurde. Bekannt sind vor allem die Anreicherungsanlagen in Fordo und Natanz. Besonders gegen Luftschläge gesichert ist die in Fordo: Sie wurde in Tunneln eingerichtet, die 60 Meter tief in einen Berg gegraben worden sein sollen.

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