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Der Prater in Wien soll schwer zu fassen, schwer auf den Begriff zu bringen sein. Die schmissigsten Annäherungen, die gern präsentiert werden, sind Auflistungen, was dieser Ort alles nicht ist: kein Park, keine Wiese, kein Freizeitpark – und dann aber doch das alles auf einmal! Das Zweideutige wird in der österreichischen Hauptstadt wohl von jeher besonders geschätzt. Also passt es gut, dass die vormaligen Jagdgründe des Kaisers nie so richtig eindeutig einem neuen Zweck zugeordnet wurden. Und die Stadt dann auch noch genug Leute hervorbrachte, die in der Lage und gemüßigt sind, das auf gelungene Art auszudrücken.

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Mitte März hat das Pratermuseum neu geöffnet. In den Wiesen, Parks und dem Freizeitpark kann man die Vieldeutigkeit des Areals heute erleben. Das Museum versucht sich daran, die vielen Facetten seiner Vergangenheit zu zeigen. Gezeigt werden Bilder und Besuchermagneten aus zweieinhalb Jahrhunderten: ein Watschenmann, eine fast lebensgroße Figur aus Leder und Stoff, der die Besucher eins verpassen konnten, oder ein Wahrsage-Apparat, das „Internationale Heiraths Vermittlungs Bureau“, auf dessen Karten man erfahren konnte, welche Eigenschaft künftige Ehepartner haben werden. Auch die obligatorischen Kasperl-Puppen fehlen nicht. Die Exponate ermöglichen einen Blick in die Freizeit früherer Tage, und zwar gerade in den Teil, an den keine weiteren Ansprüche gestellt wurden, außer zu unterhalten oder zu zerstreuen.

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Für den Aggressionsabbau: Am Watschenmann konnte man für zwei Schilling zuschlagen.
To reduce aggression: You can beat Watschenmann for two shillings.Vienna Museum

Es lohnt sich, den eingesprochenen literarischen Würdigungen des Praters Gehör zu schenken und den umfangreichen Sammelband zur Ausstellung zu lesen, der in etwa 70 kurzen Aufsätzen die vielen Seiten des Praters beleuchtet. Die Texte wie auch die Bilder der Ausstellung lassen viele Bilder entstehen: vom noch in weiten Teilen ziemlich naturbelassenen Gelände neben der unbegradigten Donau, das Kaiser Joseph II. 1766 „zu allen Zeiten des Jahres und zu allen Stunden des Tages, ohne Unterschied jedermann“ zugänglich machte, von den Blumenfahrten der Oberschicht der Kaiserstadt auf der Hauptallee des Praters und von den Spelunken, Fahr­geschäften und Heurigen im Wurstelprater, wie der Freizeitpark genannt wird, die bald nach der Beseitigung des Zauns den nördlichen Teil des Areals prägten.

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In die Ferne träumen

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1873 fand die fünfte Weltausstellung im Prater statt. Die Habsburgermonarchie präsentierte sich in neuem Glanz. In den Hallen voller technischer Wunder und zwischen Ausstellern aus aller Welt konnten sich die Besucher als Kosmopoliten fühlen. Überhaupt war vor Radio und Fernsehen der Prater einer der Orte, an denen sich die Massen in die Ferne träumen konnten. Um die Jahrhundertwende war „Venedig in Wien“ ein beliebter Mini-Park im Park, in dem in Gondeln die Adria ganz nah erschien. Später kamen Shows zum damals offenbar bewohnten Mars und zu Fahrten zum Meeresgrund hinzu. Nicht zu vergessen die entwürdigenden Menschenschauen, in denen aus Kolonien herbeigeschaffte vermeintlich Primitive Dorfgemeinschaften vorspielen mussten.

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Auch Teil des Praters: Das „Gasthaus zum weißen Ochsen“ im Jahr 1973. Das Wirtshaus wurde wie viele andere vor der Weltausstellung im gleichen Jahr abgerissen und durch einen modernen Bau ersetzt.
Also part of the Prater: Gasthaus zum weissen Ochsen in 1973. Like many others, the inn was demolished the same year before the World Expo and replaced by a modern building.Michael Frankenstein (Vienna Photographers Association), Vienna Museum

In dem Sammelband wird der Prater stilisiert zum sozialen Labor, in dem das Volk die Freizeit kennenlernen durfte, in dem sich das noch lange in starre soziale Schichten geteilte Volk vereinigen und somit eine Praxis einüben konnte, die sich an den theoretischen Idealen demokratischer Gleichheit orientiert.

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Ob diese hehren Ideen dem real existierenden Prater gerecht werden, ist schwer zu beurteilen. Aber die Texte illustrieren, wie der Prater für unterschiedliche Gruppen Verschiedenes bedeutet – für reformistische kaiserliche Beamte ein Ausweis aufgeklärter Herrschaft, für Arbeiter der Jahrhundertwende Ablenkung vom zehrenden Alltag, für die Kinder der Nachkriegszeit Alt-Wiener Idyll, für zeitgenössische Sozialwissenschaftler Kristallisationspunkt gesellschaftlicher und historischer Entwicklung.

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Das Sorglose anderer Zeiten

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Heute unterscheidet sich der Wurstelprater immer noch von anderen Freizeitparks dadurch, dass nur an den Fahrgeschäften Eintritt verlangt wird. Er ist weiterhin kostenlos begehbar. Der Park und seine Wiesen wurden über die Jahrhunderte beschnitten, machen aber immer noch einen großen Teil seiner Fläche aus. Die Fahr­geschäfte sind aber die gleichen wie überall sonst: Autoscooter, Achterbahn, Kartbahn oder Gruselkabinett. Auch die Geräusche kennen die meisten vom Rummel: dröhnender Radio-Pop und dazwischen Gekreische. Nur Walzer-Melodien mischen sich öfter als anderswo darunter.

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Den Besucher lässt das Museum mit dem Gefühl zurück, Einblick in das Skurrile, Lustige und Sorglose anderer Zeiten bekommen zu haben. Was sonst erhalten bleibt und in das Geschichtsbewusstsein eingeht, umfasst oft nicht die Unter­haltungsinhalte des einfachen Volks. Somit ist es eine Leistung, die humorvolle und absichtlich leichtsinnige Seite der Prater-Besucher vergangener Tage zu zeigen. Und diese so in einem sehr menschlichen Licht zu zeigen.

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