Perdasdefogu hat es ins Guinnessbuch der Rekorde geschafft: Nirgendwo sonst auf der Welt gibt es so viele Hundertjährige im Verhältnis zur Einwohnerzahl wie in der Ortschaft im bergigen Hinterland der Südostküste Sardiniens. Derzeit sind es sieben, bei rund 1700 Einwohnern. Die Gemeinde auf 600 Metern Höhe hat ihren Ultrasenioren, die weit über die derzeit durchschnittliche Lebenserwartung in Italien von knapp 83 Jahren hinaus leben, sogar einen eigenen Platz gewidmet: die Piazza Longevità (Platz der Langlebigkeit).

Forscher verschiedener italienischer und internationaler Universitäten wollen die DNA von 13.000 überdurchschnittlich alten Einwohnern der ost­sardischen Provinz Ogliastra – zu der Perdasdefogu gehört – sequenzieren, um dem Geheimnis der Langlebigkeit auf die Spur zu kommen. Dass sich dies nicht nur mittels Genomanalyse entschlüsseln lässt, sondern dass auch Ernährungsgewohnheiten und Lebensumstände betrachtet werden müssen, gilt in der Forschung längst als gesichert. Jüngst hat das Institute for Health Metrics and Evaluation an der University of Washington in Seattle Prognosen zur Langlebigkeit in verschiedenen Ländern bis zum Jahr 2050 veröffentlicht.

Danach gehören – heute wie in einem Vierteljahrhundert – zu den Top 20 der Staaten mit der höchsten Lebenserwartung reiche Länder wie die Schweiz und Singapur sowie ostasiatische Staaten wie Südkorea und Japan, die seit Langem in der Rangliste der Langlebigkeit weit oben stehen. Neben Wohlstand, der eine bessere Lebensführung und Gesundheitsversorgung gewährleistet, spielen dabei auch Essgewohnheiten eine wichtige Rolle. Die mediterrane Diät gilt als Lebensverlängerer par excellence. Doch diese ist inzwischen auch im Norden Europas und in anderen Weltgegenden verbreitet, während Fastfood längst auch den Mittelmeerraum erobert hat.

Hülsenfrüchte statt Fleisch

Dass sich mit Italien, Frankreich, Portugal und Spanien sowie den Mikrostaaten Andorra, Malta und San Marino ein Cluster der Langlebigkeit etabliert hat und bis zur Jahrhundertmitte verfestigen dürfte, hat nach Überzeugung der Forscher auch mit der spezifischen Lebensform in diesen Ländern zu tun.

Dörfer und (alte) Städte sind dicht besiedelt, zu Erledigungen und Begegnungen macht man sich zu Fuß statt mit einem (motorisierten) Fahrzeug auf. Die sardischen Schaf- und Ziegenhirten waren ohnedies den ganz Tag auf den Beinen, sie ernährten sich zudem überwiegend von Hülsenfrüchten und Knollengemüse, Käse und Oliven gab es öfter als Fleisch und frischen Fisch. Vor allem aber verlebte und verlebt man die Zeit nach „Feierabend“ mit der Familie, mit Freunden und mit Nachbarn, daheim und vor allem auf der Piazza.

Die Formel für ein langes Leben in den als „Blaue Zonen“ bekannten Gebieten mit deutlich überdurchschnittlicher Lebenserwartung in Südeuropa dürfte lauten: Neben der gesunden Ernährung und der gesunden Bewegung muss vor allem auch die gesunde Geselligkeit praktiziert werden. So kann jeder öffentliche Raum zur Piazza Longevità werden.