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Frau Arab, in Ihrem Buch „Ein Leben zählt nichts – als Frau im arabischen Clan“ benennen Sie explizit die kriminellen Tätigkeitsfelder Ihrer Familie: Menschenhandel, Schutzgelderpressung, Raubüberfälle und Drogenhandel.

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Wenn man die Berichte über meine Familie kennt, weiß man, welche Verbrechen sie begeht. Die Medien haben sie in den letzten Jahren berühmt gemacht. Leider nicht im positiven Sinne. Mir war es wichtig, diese Straftaten zu nennen. Sie haben diese Straftaten begangen – und sie begehen sie immer noch. Dabei sind nicht nur Männer beteiligt. Auch Frauen haben hinter verschlossenen Türen ihre Rolle zu spielen, und zwar nicht freiwillig.

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Sie wurden 1980 im südtürkischen Mardin an der Grenze zu Syrien geboren und haben dort Ihre ersten fünf Lebensjahre verbracht. Ihre Familie gehörte zu einer arabischsprechenden Minderheit. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre frühe Kindheit?

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Diese Zeit hat mich sehr geprägt. Manchmal kommt es mir so vor, als hätte ich das alles nur geträumt. Aber all diese Dinge sind passiert. Ich habe gesehen, wie sehr die Frauen in dem Dorf gelitten haben. Kleine Mädchen sind einfach verschwunden oder wurden sehr jung verheiratet. Mit fünf Jahren habe ich das nicht verstanden. Aber ich wusste, es ist ungerecht, wie unterschiedlich Mädchen und Jungen behandelt werden. Mir wurde beigebracht, dass das normal ist. Aber das ist es nicht.

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Welchen Wert hat das Leben einer Frau in Ihrer Familie?

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Ihr Leben ist nicht viel wert. Eigentlich gar nichts. Das kriegt man bereits als Kleinkind mit. Wenn man anfängt zu laufen, weiß man bereits, dass man irgendwann an eine andere Familie verkauft wird. Ich sage bewusst „verkauft“ und nicht „verheiratet“. Es ist ein Menschenhandel. Und wenn eine Frau das hinterfragt oder auf­begehrt, verschwindet sie. Man findet sie in einem Straßengraben, in einem Koffer oder irgendwo verscharrt. Alles nur, weil sie die sogenannte Ehre der Familie verletzt hat. Das ist die Funktion der Frau. Sie trägt die Familienehre. Und wird durch ihr Verhalten oder etwas, was ihr passiert, die Ehre beschmutzt, sinkt das Ansehen der Familie. Und sie müssen Kinder bekommen. Ohne Frauen keine Kinder, ohne Kinder keine Großfamilie.

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Blick auf die gleichnamige Provinzhauptstadt von Mardin. Hier leben Mitglieder der arabischsprachigen Volksgruppe der Mhallami.
A view of Mardin, the provincial capital of the same name. Members of the Arabic-speaking Mhallam ethnic group live here.dpa

Sie beschreiben, wie eine Ihrer Tanten sich selbst in Flammen setzte, um dem Missbrauch durch ihren Ehemann zu entkommen. Und Sie berichten, wie Ihre Cousine von einem Ihrer Onkel mit einem Traktor überfahren wurde. Als Ausgleich erhielt die Familie des Kindes ein paar Felder.

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So viel ist das Leben eines Mädchens wert. Man muss verstehen, dass in diesen Dörfern alle Familien meistens miteinander verwandt sind. Außenstehende haben keinen Zugang zu diesen Gemeinschaften. Jungen und Mädchen werden untereinander verheiratet. So bleibt die Familie geschlossen. Je nachdem, welche Familie man dann am Ende fragt, ist die Geschichte immer anders. Ob er sie mit Vorsatz überrollt hat, kann ich nicht sicher sagen. Aber ich wusste, dass die beiden Familien Streitigkeiten hatten. Letztlich war es egal. Die Familie meiner Cousine hat Land verlangt, hat es bekommen, und somit war die Angelegenheit geklärt.

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1985 ist Ihre Familie nach Deutschland ausgereist, „Almanya“, wie Sie es nannten. Wissen Sie, warum Ihre Eltern nach Deutschland wollten?

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Kein Land war in unserem Dorf so beliebt wie Deutschland. Die Erwachsenen erzählten uns von einem Land, in dem das Geld auf der Straße liegt. Man müsse dafür nicht arbeiten. Als Kind dachte ich, dass Deutschland ein Wunderland sein muss.

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Noch am Flughafen in Deutschland haben Ihre Eltern ihre Pässe in der Toilette heruntergespült.

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In unserem Dorf gab es Gerüchte, dass man in Deutschland bleiben könne, auch ohne zu arbeiten, wenn man einen guten Grund hat. Wie zum Beispiel vor einem Krieg zu flüchten oder politisch verfolgt zu sein. Also mussten sich meine Eltern irgend­was einfallen lassen. Es gab in der Türkei weder Krieg, noch wurden sie verfolgt. Es ging ihnen gut dort, auch wenn das Leben nicht ansatzweise mit einem Leben in Deutschland vergleichbar ist. Als wir mit dem Flugzeug über Ankara ein­gereist sind, hatte mein Vater den Tipp mit den Pässen bekommen. Ich habe gesehen, wie mehrere Familien ihre Dokumente zerrissen und im Klo runtergespült haben. Wenn du keine Identität hast, können sie dich auch nicht abschieben. Mein Vater hat sich dann als politischer Flüchtling ausgegeben.

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In Deutschland haben Ihre Eltern den Sozialstaat für eigene Zwecke ausgenutzt.

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Meine Eltern wussten ganz genau, wie es läuft. Wenn man nur zu zweit ist, sind die Sozialleistungen nicht sonderlich hoch. Je mehr Kinder man hat, desto mehr Leistungen erhält man. Nicht nur Kindergeld, sondern auch Geld für Möbel oder Kleidung. Doch davon ist nichts bei mir und meinen Geschwistern angekommen. Sie haben alles an die Familienangehörigen in die Türkei weitergeleitet, damit sie nachkommen können. So ist die Familie gewachsen, und so wächst sie auch heute noch.

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Obwohl Ihre Eltern Geld für die Kinder erhalten haben, sind Sie in Armut und Verwahrlosung aufgewachsen?

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Es wurde nicht eine einzige Mark für uns Kinder ausgegeben. Ich wusste ja, was meine Eltern alles gefordert haben. Ich habe die Listen für sie geschrieben, weil sie kein Deutsch konnten. Meine Mutter hat für fünf Kinder nach den Sommerferien neue Schulranzen beantragt und hat das Geld auch bekommen. Sie hat aber keinen einzigen Ranzen gekauft. Stattdessen bin ich mit zerlumpten Sachen und einer ­Tasche, die fast auseinandergefallen ist, in die Schule gegangen. Können Sie sich vorstellen, wie sich das als Kind anfühlt?

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„Ich weiß, dass ich mir in dieser Nacht das Leben nehmen wollte“: Latife Arab hat den Missbrauch durch ihre Familie überlebt.
“I know I wanted to take my life that night”: Latife Arab survived her family's abuse.FAZ

Sie erzählen immer wieder von der Abneigung ihrer Eltern gegen Deutsche, die sie als „Schweinefresser“ bezeichnen.

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Sie hassen alles, was nicht ihrer Kultur oder Religion entspricht. Alles andere existiert in ihrer Welt nicht oder landet in der Hölle. Schweinefresser haben sie die Deutschen gerne genannt, wenn die Deutschen mal wieder versagt hatten oder meine Familie eine große Sache gemacht hat, aber keine Strafe erwarten musste. Dann wurde über die dummen Deutschen gescherzt.

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Ihr Vater hat sich selbst als strenggläubig betrachtet. Wie hat Sie das Islamverständnis Ihrer Familie geprägt?

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Wenn ich eine Sure nicht auswendig konnte, das Kopftuch falsch trug oder für den Geschmack meines Vaters zu viel Haut zeigte, gab es Schläge. Und die Sache hatte sich nicht mit einer Ohrfeige erledigt. Ich spreche von Schlägen, die im Krankenhaus behandelt werden mussten. Es war wie in einer Sekte. Das funktioniert nur, wenn alle mitmachen und dieselbe Religion und Sprache haben. Deswegen wurden auch keine Andersgläubigen in unseren Kreis gelassen.

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Die kriminellen Anfänge Ihrer Familie waren Autodiebstähle und das Einschleusen von Menschen nach Deutschland. Später kamen Raubüberfälle und Drogenhandel dazu.

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Meine Eltern hatten genug Einnahmen durch die Sozialhilfe. Aber wenn man seine erste Straftat begeht und merkt, dass man nicht oder kaum bestraft wird, begeht man die nächste. Das hat auch andere Familienmitglieder motiviert. So wurden die Taten und die Einnahmen immer größer. Für sie lohnen sich die Verbrechen. Und wenn mal jemand ins Gefängnis kommt, werden seine Angehörigen finanziell unterstützt. Aber wenn derjenige aus der Haft entlassen wird, muss er direkt wieder für die Familie da sein.

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Hat Ihr Vater Sie in seine kriminellen Geschäfte eingespannt?

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Als ich zehn Jahre alt war, hat mein Vater mich als Geldbotin eingesetzt. Kinder werden bei Polizeikontrollen nicht durchsucht, hat er mir erklärt. Dass ich dafür ausgewählt wurde, war aber kein Zeichen der Wertschätzung. Wenn uns Mädchen –manchmal musste meine Cousine für mich einspringen – etwas passieren würde, war das nicht so schlimm. Das war furchtbar für uns. Es hätte alles Mögliche passieren können. Und wir wussten, was uns blühen würde, wenn etwas schiefläuft. Ich hatte mehr Angst vor dem, was mich zu Hause erwarten könnte, wenn ich das Geld verlieren würde, als vor dem, was in den Autos fremder Männer geschehen könnte.

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Als Sie 17 Jahre alt waren, wurden Sie mit einem fremden Mann verheiratet.

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Ich sollte eigentlich schon mit 13 oder 14 heiraten, konnte das aber immer irgendwie abwenden. Irgendwann habe ich dann zugestimmt, weil ich wusste, dass es sowieso passieren würde. Ich hatte den Traum, dass ich mit meinem Mann Glück haben würde.

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Die Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Ihr Mann hat Sie in der Hochzeitsnacht vergewaltigt, er und seine Familie haben Sie jahrelang seelisch und körperlich missbraucht.

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Dass ich verprügelt wurde, bis ich ohnmächtig wurde, war für mich normal. Aber was ich in dieser Nacht erlebt habe, war eine Gewalt, die ich noch nicht kannte. Vorher war mir immer eingebläut worden, dass es wichtig war, Jungfrau zu bleiben, und dass mein Unterleib für mich eine verbotene Zone war. Aber ich wusste nicht, warum. Ich war komplett unwissend, weil ich nicht am Aufklärungsunterricht in der Schule teilnehmen durfte. Und dann passiert es. Ich weiß, dass ich mir in dieser Nacht das Leben nehmen wollte. Ich fühlte mich nicht nur durch ihn vergewaltigt, sondern auch durch meine Familie. Es fühlte sich an, als hätte man mir alle Organe aus dem Körper gerissen. Ich kann das Gefühl nicht in Worte fassen. Wenn ich darüber nachdenke, wird mir schlecht. Ich habe vorher nicht mal neben einem fremden Mann gesessen oder mit einem gesprochen. Aber es ist wichtig, darüber nachzudenken. Denn es passiert auch anderen Mädchen.

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Ihre Schwiegermutter hat am nächsten Morgen stolz das blutige Bettlaken den anderen Familien gezeigt. Ein Zeichen dafür, dass Sie unberührt waren.

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Meine Mutter hatte mir gesagt, wenn ich in der Hochzeitsnacht nicht blute, sollte ich mich besser selbst umbringen.

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Viele Frauen bluten nicht bei ihrem ersten Mal.

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Diese Möglichkeit war für meine Familie undenkbar. Ich hatte eine Cousine in der Türkei, ihr Laken war unbefleckt. Ihr Schwiegervater wollte sie deswegen umbringen. Nur durch das Einlenken ihrer Schwiegermutter sind sie mit ihr zum Arzt gefahren, der bestätigt hat, dass meine Cousine in der Hochzeitsnacht Jungfrau war. Sie war damals 13 oder 14 Jahre alt.

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Eine Ihrer Cousinen wurde 2008 in Deutschland von einem Familienmitglied ermordet. Was haben Sie damals gedacht, als Sie davon erfahren haben?

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Meine Cousine hatte damals entschieden, ihr Kopftuch abzulegen und ein selbst­bestimmtes Leben zu führen. Also beschloss die Familie, dass meine Cousine nicht mehr leben darf. Als ich von ihrer Ermordung hörte, war ich gerade dabei, meine Verwandten zu bekochen und zu bedienen. Ich habe zuerst die Männer sprechen gehört. Sie unterhielten sich darüber, wie man für den Täter eine milde Strafe erwirken könne. In der Küche sprachen die Frauen mit Absicht laut darüber, damit ich und die anderen jungen Frauen und Mädchen es hörten. Ich hatte die Grenzen bereits ein paarmal ausgetestet und wusste, was mich erwartet, wenn ich mich nicht an die Regeln halten würde. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt schon Kinder und wollte sie nicht in Gefahr bringen. Das wären sie gewesen, wenn man mich getötet hätte. Also bin ich ruhig und unauffällig geblieben.

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Die älteren Frauen Ihrer eigenen Familie haben Ihnen also auf diese Weise mit dem Tod gedroht?

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Ja. Es war ihnen wichtig, dass wir das alle hören. Unsere Tanten, Mütter und Großmütter haben ganz bewusst bestimmte Wörter ausgesprochen, damit wir jungen Frauen wissen, was mit uns passiert, wenn wir uns gegen die Familie stellen.

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Die Grausamkeit der Frauen untereinander zieht sich durch Ihr ganzes Leben. Wie erklären Sie sich, dass Ihre eigene Mutter Ihnen so viel Leid angetan hat?

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Dass die Frauen so grausam gegenüber ihren Mädchen sind, liegt daran, dass sie es selbst nicht anders kannten. Woher auch? Als Frau in diesen Familien musst du ein Leben lang eine Rolle spielen. Und wenn du deine Rolle schlecht spielst, bringst du dich selbst in Gefahr. Die fehlende Bildung und die Unwissenheit, dass ein anderes Leben möglich ist, sind sicher auch wichtige Gründe.

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„Als Frau in diesen Familien musst du ein Leben lang eine Rolle spielen“: Frauen bei einer Beerdigung im Milieu der arabischen Großfamilien Berlins im April 2020.
“As a woman in these families, you have to play a role for the rest of your life”: Women at a funeral in the milieu of large Arab families in Berlin in April 2020.dpa

Sie haben heimlich Radio gehört und sind in die Bücherei gegangen. Wie wichtig war Bildung für Ihren Ausstieg aus der Familie?

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Dazu kann ich Ihnen eine Geschichte erzählen. Eine Cousine von mir sollte mit einem Cousin verheiratet werden. Sie muss in die siebte oder achte Klasse gegangen sein, sie war 16 Jahre alt. Ich weiß, dass ihre Eltern versucht haben, sie so schnell wie möglich von der Schule zu nehmen, damit sie möglichst ungebildet in die Ehe geht. Denn wenn sie mehr über die Welt erführe, würde sie ja hinterfragen, was passiert. Ich selbst habe mich trotzdem weitergebildet. Ich fand Deutschland unglaublich spannend, ich fand Bücher unglaublich spannend. Ich wusste, dass ich damit mein Leben riskierte. Mein Vater hat uns nicht mal erlaubt, Schulbücher zu lesen. Die blieben zu Hause in der Tasche. Aber es ist unglaublich wichtig, den Mädchen in diesen Familien die Möglichkeit einer anderen Welt aufzuzeigen.

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Nach mehreren Anläufen und Aufenthalten in Frauenhäusern haben Sie endgültig mit Ihrer Familie gebrochen.

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Es war für mich sehr wichtig, dass es Menschen in meinem Umfeld außerhalb der Behörden und Einrichtungen gab, die mutig genug waren, mich auf meinem Weg zu unterstützen. Sie wussten, dass ich sie in Gefahr bringe, aber sie sind trotzdem drangeblieben. In meinem Fall waren es vier Menschen, darunter mein jetziger Partner, die mich begleitet haben.

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Ihre Geschichte ist auch eine Geschichte des Versagens des deutschen Sozialstaats und der Zivilgesellschaft. Sie berichten von Lehrern, die Misshandlungen igno­rieren, von Nachbarn, die wegschauen, und Ärzten, die schweigen, obwohl Ihre Unterdrückung durch die Familie offen sichtbar war.

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Als Kind habe ich nicht verstanden, warum alle weggesehen haben. Ich hatte kaum Kontakt zur Außenwelt. Meine Nachbarn kannte ich nicht. In der Schule habe ich meine Zeit abgesessen. Dass ich geschlagen wurde, war normal für mich. Die Kriminalität war normal für mich. Erst als ich älter wurde, habe ich verstanden, dass etwas schiefläuft. Und es macht mich traurig, und ich finde es unfassbar, dass es niemanden interessiert, wenn eine Frau irgendwo auftaucht, die grün und blau geschlagen wurde. Dass, wenn ein Mädchen tagelang nicht zur Schule geht, niemand nachfragt, wo es gesteckt hat.

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Sie berichten auch von der Angst in Behörden und Einrichtungen wegen des Rufs Ihrer Familie.

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Meine Tochter hat mir vor ein paar Tagen ein Tiktok-Video gezeigt. Ein Oberarzt aus Berlin spricht darin über seine große Angst vor arabischen Großfamilien. Dass er Angst hat, Schläge zu kassieren, wenn die in der Notaufnahme auftauchten. Wenn sogar ein Oberarzt eingeschüchtert wird, können Sie sich ja denken, wie es Erzieherinnen in der Kita oder Lehrerinnen geht. Oder Zeugen, die vor Gericht auf einmal nicht mehr gegen eine dieser Familien aussagen wollen.

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Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul verfolgt eine Null-Toleranz-Strategie gegen kriminelle Großfamilien und lässt viele Razzien durchführen. Ist das der richtige Weg, um die Strukturen aufzubrechen?

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Razzien gab es auch schon in den Achtzigerjahren. Aber ganz ehrlich, die interessieren niemanden von den Familien und schüchtern auch niemanden ein. Die Medienpräsenz, die sie durch Razzien erhalten, sehen sie als Werbung für sich. Der Schaden für die Geschäfte ist meiner Erfahrung nach gering. Man müsste sich um die Kinder kümmern, die schon in jungen Jahren in die kriminellen Aktivitäten eingebunden werden. Wenn sie ihre erste Haftstrafe kassieren, ist es zu spät.

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„Der Schaden für die Geschäfte ist meiner Erfahrung nach gering“: Nordrhein-Westfalens Inneminister Herbert Reul bei einer Razzia mit Clan-Bezug in Bochum im Jahr 2019
“In my experience, the damage to businesses is minimal”: North Rhine-Westphalia's Interior Minister Herbert Reul during a clan-related raid in Bochum in 2019dpa

Dafür müsste man Jugendämter, Sozialarbeiter, Erzieher und Lehrer besser schützen und stärken.

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Es ist schade, dass es so ist. Ein anderer Hebel könnten höhere Haftstrafen sein oder Abschiebungen zur Abschreckung. Ich habe gelesen, dass ein bekanntes Oberhaupt einer Berliner Familie die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt hat. Kann man ernsthaft darüber nachdenken, diese Person einzubürgern?

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Sie sprechen über Issa Remmo, der, anders als viele seiner Angehörigen, nicht vorbestraft ist. Auch Ihre Familie hat es immer wieder geschafft, Strafen von bestimmten Personen abzuwenden oder milde Strafen rauszuholen.

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Sie haben schnell verstanden, wie das Rechtssystem funktioniert, wer für etwas bestraft werden kann und wer nicht. Nicht Strafmündige unter 14 Jahren haben beispielsweise den Kopf hingehalten für Ältere.

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Wie viele Frauen kennen Sie, die aus einer Großfamilie aussteigen konnten?

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Ich kenne keine Frau, die es lebend raus­geschafft hat. Und dass wir darüber sprechen, dass so was in Deutschland passiert, auch noch heute, macht mich wütend. Ich bin mir sicher, dass ihr System bröckelt, wenn man es schafft, diesen Kreislauf zu durchbrechen, und an die Frauen der Clans herankommt.

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Sie selbst haben kaum Hilfe von Behörden bei Ihrem Ausstieg erhalten. Was müssen die Beratungsstellen machen, um die Frauen zu erreichen?

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Es gibt da leider viele Probleme. Viele Frauen wissen gar nicht, an wen sie sich wenden sollen. Oft gibt es eine Sprachbarriere. Wenn die Mädchen als Importbräute aus Libanon oder der Türkei hierher kommen, leben sie in einer abgeschotteten Welt. Es gibt zu viele Hürden. Die wichtigste Frage für die Beratungsstelle muss sein: Wie erreichen wir die Mädchen, ohne sie in Gefahr zu bringen? Aber wenn die Mädchen zu einer Beratungsstelle oder in ein Frauenhaus gehen müssen, ist es eigentlich schon zu spät. Wenn es die Möglichkeit gäbe, den Mädchen bereits in der Schule Hilfe anzubieten und ihnen zuzuhören, wäre das vielleicht eine Lösung.

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In Ihrem Buch spürt man trotz des Bruchs mit Ihrer Familie eine Zuneigung gegenüber Ihren Geschwistern. Denken Sie darüber nach, wie es ihnen heute geht?

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Meine Schwestern führen kein schönes Leben. Meinetwegen hat die Familie Ehre verloren. Darunter müssen sie jetzt leiden. Das macht mich traurig. Ich war die Älteste und habe immer versucht, sie zu beschützen vor den Gewaltausbrüchen meiner Eltern. Ich war eine Ersatzmutter für sie. Ich weiß, was meine Geschwister getan haben, dass sie andere Menschen verletzt haben. Aber trotzdem bleiben sie immer meine Geschwister. Hätte man ihnen geholfen, wie man mir geholfen hat, wäre es nicht so weit gekommen.

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